Conny Pfeiffer: „Ich mag es nicht, wenn mir jemand dreinreden will!“

Conny Pfeiffer: „Ich mag es nicht, wenn mir jemand dreinreden will!“

Sie ist kontaktfreudig, weiß genau, was sie will und brennt fürs Schreiben. Das Leben der 60jährigen Conny Pfeiffer war nicht immer einfach, doch sie hat sich nie unterkriegen lassen, erzählt sie Susanne Sametinger, die sie im Juli am Campus der Johannes-Kepler-Universität Linz (JKU) zum Gespräch getroffen hat.

„Ich bin gleich fertig – muss nur noch den Computer abschalten“, ruft mir Conny Pfeiffer entgegen, als ich sie in ihrem Büro im Hochschulfondsgebäude am Campus der JKU abhole. Conny arbeitet dort als Evaluatorin bei PROQUALIS, einer Initiative, die die Qualität von Dienstleistungen für Menschen mit Beeinträchtigungen überprüft. Im Team von PROQUALIS arbeiten Menschen mit verschiedenen Qualifikationen zusammen. Die Evaluatorinnen und Evaluatoren haben eine dreijährige Ausbildung absolviert und sind oder waren selbst Kundinnen und Kunden von Dienstleistungen für Menschen mit Beeinträchtigungen. „Ich war 2009 im ersten Lehrgang – wir waren Pioniere! Das war cool, aber manchmal auch ganz schön anstrengend: Rollstuhl-Check, Pflege-Check, Gehörlosen-Check … dieses Herum-Schicken halt ich nicht aus! Aber diese Überprüfungen auf die Tauglichkeit für Menschen im Rollstuhl oder mit anderen Einschränkungen werden im Berufsalltag von Betroffenen gemacht, das muss ich also jetzt nicht machen. Für mich sind die Befragungen am wichtigsten, und die mache ich gern!“

In Bewegung bleiben

Am Wochenende habe sie sich den Fuß verstaucht. Trotzdem besteht sie darauf, nicht den Lift zu nehmen: „Solange ich gehen kann, gehe ich! Man muss in Bewegung bleiben.“ Am Weg zum Café-Restaurant Teichwerk, wo wir das Interview geplant haben, klagt sie, dass sie wahrscheinlich wieder ein oder zwei Kilo mehr auf die Waage bringen wird, weil sie sich aufgrund des schmerzenden Knöchels nicht so viel bewegen kann wie sonst. „Das wird im Wohnheim nicht so gern gesehen“, meint sie. Dort lege man viel Wert darauf, dass sie sich gesund ernähre und abnehme. „Das taugt mir überhaupt nicht – manchmal möchte ich auch etwas Ungesundes essen!“

Die 60jährige wohnt in einer Garçonnière in einer betreuten Wohneinrichtung der Caritas in Linz. „Ich fühle mich wohl dort und habe die Unterstützung, die ich brauche. Und die Betreuerin macht viel Gutes für mich, auch wenn ich die Diättipps manchmal nicht so mag…“,  schmunzelt sie.

Conny am Uniteich, unterwegs Richtung Teichwerk, wo das Gespräch stattfand.

Zwei Jobs

Bis Ende Juni hat sie neben dem 20-Stunden-Job bei PROQUALIS auch noch im Haus St. Elisabeth als Näherin gearbeitet. Das ist ihr erlernter Beruf. „Früher hatten wir viele Aufträge“, erzählt sie: „Leintücher, Bettwäsche, Arbeitskleidung … Jetzt ist das Konzept ein bisschen anders. Es gibt nicht mehr so viele Nähaufträge, sondern andere Arbeiten: Tintenpatronen füllen, Tintenkiller einpacken … auch das war auf gewisse Weise ganz nett, man konnte sich nebenbei unterhalten.
Am Schluss habe ich Bierdeckel bemalt, das habe ich sehr gern gemacht, da hab ich meiner Phantasie freien Lauf gelassen!“  Während der Corona-Lockdowns wurden die Frauen in St. Elisabeth oft zum Küchendienst eingeteilt, kritisiert Conny: „Das hat mich sehr gestört! Die Werkstatt putzen ist ja ok, aber dann auch noch die Küche …?“

Seit Juli hat sie ihre Arbeitszeit reduziert und arbeitet nur noch für PROQUALIS: „Ich arbeite gern und möchte noch nicht in Pension gehen. Zwei Jahre brauche ich noch, das zahlt sich finanziell aus. Und ich bin ja noch fit“, meint sie.

Eltern starben früh

Conny Pfeiffer ist 1961 in Altheim geboren und besuchte die dortige Sonderschule. Ihr Vater starb, als sie elf Jahre alt war, ihre Mutter fünf Jahre später.
„Meine beiden Schwestern waren damals noch klein und kamen zu Verwandten – die Familie wurde auseinandergerissen. Ich war damals schon in Gallneukirchen im Elisabethheim, wo ich eine Ausbildung zur Näherin machte. Am Anfang hat’s mir gut gefallen dort, obwohl wir sechs bis sieben Leute im Zimmer waren und keine Privatsphäre hatten … Als meine Mama starb, war ich so traurig. Ich wollte nicht mehr dortbleiben. Dann habe ich die Ausbildung aber doch fertig gemacht und bin länger geblieben – insgesamt acht Jahre! Das war mehr oder weniger eine Beschäftigungstherapie für mich, weil ich ja schon lange ausgelernt hatte.“

Die Liebe und andere wichtige Dinge

Nach den Stationen in Gallneukirchen und Linz, wohin das Heim übersiedelt war, verbrachte Conny Pfeiffer einige Zeit im Institut Hartheim. „Anfangs hat’s mir gefallen, aber dann nicht mehr: Da war eine Kollegin, die war jünger und hat trotzdem immer die Chefin gespielt in der Wäscherei, wo ich gearbeitet habe. Ich wollte zurück nach St. Elisabeth. Als ich dann dachte, das wird nichts mehr, mich an alles gewöhnt hatte und sogar einen Freund hatte, hieß es, ich kann wieder zurück. Für mich war’s zwar aufregend und neu, einen Freund zu haben, aber er hat das nicht so ernst genommen. Und mir waren auch meine Hobbies wichtiger …“.

Conny Pfeiffer mit ihrer besten Freundin Karin
Conny mit ihrer besten Freundin Karin

Mit der Liebe sei das so eine Sache, meint Conny: „Meistens verliebe ich mich in Unerreichbare!“
Ihre Augen beginnen zu leuchten, als sie von ihrer Zeit in Salzburg vor 19 Jahren erzählt, als sie dort eine Ausbildung zur Interessensvertreterin*) absolvierte: „Da hatte ich einen Freund. Und auch eine Freundin. Wir hatten so einen Spaß, das war eine tolle Zeit!“

Hobbies hat sie gleich mehrere: Am wichtigsten ist ihr das Schreiben: Romane, Kurzgeschichten … in ihrem Kasten stapeln sich die Bücher und Hefte, die sie mit ihren Geschichten und Gedanken füllt. „Meist geht es um Menschen mit einem Handicap, zum Beispiel Lernschwierigkeiten, wie auch ich sie habe. Gerade lese ich eine meiner Geschichten wieder, in der es um eine junge Frau geht, die mit 16 so ungefähr dasselbe erlebt hat wie ich. Einen Roman habe ich über eine Kreuzfahrt geschrieben … ich habe ja mit der Wohngemeinschaft selbst schon einige Kreuzfahrten gemacht. Wenn mich etwas berührt, schreibe ich einfach drauf los …!“

Ihr Text „45 Jahre in einer Einrichtung“ ist 2019 mit dem Literaturpreis „Ohrenschmaus“ ausgezeichnet worden.

Auch Lesen, Fernsehen, Rätsel lösen und Musik hören zählen zu Connys Hobbies. Am liebsten hört sie die aktuellen Hits aus der Ö3-Hitparade und Schlager „… aber keine volkstümlichen“, betont sie. „Ich mag zum Beispiel Ramon Roselly, er hat ein sehr schönes Lied von Julio Iglesias nachgesungen, oder ‚Komm und bedien dich‘ von Peter Alexander. Aber auch moderne Lieder, wie ‚Iko, Iko‘, das habe ich sogar am Handy.“

Conny sieht sich selbst nicht als „beeinträchtigt“. Die Unterstützung, die sie hat, nimmt sie jedoch gerne an: Sie sei froh, dass ihre Schwester, als ihre Erwachsenenvertretung, auf ihre Finanzen schaut, denn „… so muss ich mich nicht um die Miete und solche Sachen kümmern. Ich bin auch sehr froh, dass ich eine super Arbeit habe, eine tolle Wohnung und eine nette Betreuerin … auch, wenn diese Endlosdiskussion um die Diät nicht immer lustig ist!“

*) „Selbst Und Direkt – SUD – ist eine Ausbildung zur Multiplikatorin, zum Multiplikator, die die Selbstvertretung und Interessenvertretung zum Inhalt hat. Jetzt ist Conny  Interessenvertreterin für die Bewohnerinnen ihres Wohnheims.

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